Thalassotherapie und Inhalationen
Bei chronischen Erkrankungen der Atemwege hat sich die Thalassotherapie seit langem bewährt (39). Durch das Einatmen zerstäubten Meereswassers wird die Sekretverflüssigung gefördert. Die Reinheit der Luft führt zu einer Entlastung der zuvor durch Unreinheiten der Luft am Wohnort strapazierten Schleimhäute.
Die Allergenfreiheit wird bei den allergischen Krankheitsformen zu einem tragenden Prinzip.
Die Wirkung von Meerwasserinhalationen wurde an 203 Gesunden und 103 Patienten mit Bronchitis, Emphysem oder Asthma untersucht und dabei die Vitalkapazität, der Atemstoß und der Tiffeneau vor, direkt und 7, 15 sowie 30 Minuten nach einer Inhalation bestimmt (10). Die Inhalationen erfolgten zu Vergleichszwecken auch mit Süßwasser und physiologischer Kochsalzlösung. Bei den Meerwasserinhalationen kam es während der Inhalation selbst zu einer Abnahme der genannten Meßgrößen, danach zu einer kräftigen Zunahme. Bei Asthma und Emphysem war der Rückgang in der anfänglichen Phase ausgeprägter, bei Bronchitis die spätere Zunahme.
Bei allen anderen Inhalationen wurde die initiale Reduktion der Werte vermißt, ihr späterer Anstieg war aber auch nur geringfügig. Wegen des hohen Dampfdruckes (relativen Feuchte) der Meeresluft wird den Atemwegen weniger Wasser entzogen (39). Das im Kurverlauf zu erzielende Training der physikalischen Wärmeregulation bewirkt einen Schutz vor Erkältungskrankheiten.
Die Effektivität der Thalassotherapie ist im Sommer und Winter gleich. Meeresbäder sind zur Erreichung des Behandlungszieles nicht notwendig. Ihr Einfluß auf die Lungenfunktion wurde an insgesamt 46 Probanden untersucht (75).
Wie bereits im Kapitel über das Schwimmen erwähnt, konnten keine anhaltenden Veränderungen der Ventilationsgrößen durch ein Meeresbad gefunden werden.
Kuren bei Atemwegserkrankungen
An 33 Kurpatienten, die ein Heilverfahren auf Sylt absolvierten, wurden pneumotachographische und spirometrische Untersuchungen in wöchentlichem Abstand durchgeführt (2).
17 dieser Probanden kamen wegen chronischer Bronchitis, 10 wegen asthmatoider chronischer Bronchitis und 6 wegen anderer Leiden ohne pathologischen Lungenbefund. Bei den pneumotachographischen Untersuchungen wurden der ex und der inspiratorische Atemwiderstand, das normale und das differenzierte Pneumotachogramm, der Atemzeitquotient und die Sekundenkapazität bestimmt. Die spirometrischen Untersuchungen enthielten die Bestimmung von Atemzugvolumen, Atemminutenvolumen, Vitalkapazität und Atemgrenzwert und wurden nach einfacher Umschaltung des Gerätes auf Integration durchgeführt, ohne daß der Patient von seinem Mundstück gelöst werden mußte. Bei der Auswertung zeigten die Patienten mit chronischer Bronchitis mit hoher Signifikanz die besten Werte. Bei den Patienten mit chronisch asthmatoider Bronchitis wurden signifikante Besserungen nicht so oft gefunden, was aber wenigstens teilweise auf die geringere Fallzahl zurückgeführt werden konnte.
Eine Altersabhängigkeit ließ sich bei den Werten der Sekundenkapazität nachweisen. In der Gruppe der Älteren (über 55 Jahre) lagen die Werte der prozentualen Zunahme während des Heilverfahrens unter denen der Jüngeren (unter 55 Jahre). Die Differenz betrug am Ende der Kur 5,0 Prozentpunkte. Bei der Vitalkapazität belief sich die maximale Differenz auf nur 0,3 Prozentpunkte. Bei 29 Probanden, die im Herbst eine Klimakur an der Nordsee absolvierten, wurde das Verhalten vor, während und nach der Kur untersucht (12). 11 dieser Probanden litten an Atemwegserkrankungen, 18 hatten keine. Während der Kur stiegen Vitalkapazität und Atemstoß bei ersteren um 10,6% bzw. um 5,3% an. Sechs Wochen nach der Kur betrug die Steigerung noch 6,8% bzw. 2,3%. Die Anstiege waren in der Gruppe ohne Atemwegserkrankungen geringer. Sie beliefen sich für die Vitalkapazität auf 4,2%, für den Atemstoß auf 5,5%. Zu Hause nach dem Seeaufenthalt betrug die Erhöhung bei beiden Meßgrößen noch immer 3,1 %.
Eine statistische Signifikanz konnte durch einen errechneten Tiffeneau-Wert erbracht werden. Wie nämlich gezeigt werden konnte, besteht eine sehr enge Beziehung zu dem Produkt aus Vitalkapazität und Atemstoß, die so eng ist, daß die Sekundenkapazität, absolut und relativ, durch die viel einfacher zu bestimmenden Werte der beiden anderen Größen mit genügender Sicherheit in der Praxis ersetzt werden kann. Bei 75 Kindern mit Asthma bronchiale, 20 Kindern mit Neurodermitis und 31 weiteren Kindern, die unter beiden Krankheiten litten, wurden die Ventilationsgrößen zu Beginn eines Heilverfahrens auf einer Nordseeinsel und nach vier Wochen bestimmt (8). Zum Vergleich nahmen auch 25 gesunde Kinder, die auf der Insel wohnten, an denselben Untersuchungen teil, um dabei auftretende Übungseffekte ausschließen zu können. Bei den Kindern mit Asthma stieg die Vitalkapazität um 22%, die Sekundenkapazität um 21 % und der Atemgrenzwert um 20 I/min. Bei den Kindern mit Neurodermitis betrugen die Steigerungen 14%, 14% und 14 I/min, bei den Kindern mit beiden Krankheiten 25%, 24% und 23 I/min. Im Vergleich hierzu wurden bei den gesunden Kindern der Insel nur Steigerungen von 1 %, 2% und 6 I/min gefunden. Diese sehr guten Ergebnisse lagen höher als die der Literatur entnommenen Werte bei Erwachsenen mit chronischen Atemwegserkrankungen.
Untersuchungen über die Häufigkeit der Besiedelung des Nasenrachenraumes mit Strepto- und Staphylokokken wurden an 157 Kindern gemacht, die im Sommer eine achtwöchige oder im Winter eine fünfwöchige Klimakur auf einer Nordseeinsel absolvierten. Ihr Alter betrug 2 bis 14 Jahre. Einweisungsgrund waren rezidivierende Bronchitiden, Asthma bronchiale, Infektanfälligkeit und endogenes Ekzem (3). Bei der Aufnahme und danach in wöchentlichem Abstand wurden Abstriche im unteren Nasengang links und an der linken Tonsille, bei deren Vergrößerung oder wenn sie entfernt war am linken vorderen Gaumenbogen, gemacht und so die Zahl der Keimträger bestimmt. Die Abstriche erfolgten morgens vor dem Zähneputzen. Die Zahl der Keimträger war bei den Rachenabstrichen während der Aufnahme am größten, fiel dann stark ab, um in der dritten Woche wieder erheblich anzusteigen. Danach kam es zu einer kontinuierlichen Abnahme. Im Sommer und Winter zeigte sich ein prinzipiell gleicher Verlauf. Die Zahl der Staphylokokkenträger war im Sommer wesentlich höher als die der Streptokokkenträger. Fieberhafte Infekte traten ebenfalls in der dritten Woche am häufigsten auf. Zog man diese Kinder von der Zahl der Keimträger ab, blieb der Wiederanstieg der Keimträgerzahl in der dritten Woche erhalten. Bei den Nasenabstrichen fehlte die Abnahme der Kreimträgerzahl zu Beginn der Klimakur, die Zahl stieg vielmehr sogleich an. Das Maximum lag auch hier in der dritten Woche. Danach kam es ebenfalls zu einem Abfall, jedoch nicht so deutlich wie bei den Rachenabstrichen. Die Abnahme der Zahl der Keimträger wird als Klimaeffekt angesehen. Schwierig ist die Deutung des Häufigkeitsgipfels in der dritten Woche.
Gegen eine Neuinfektion durch Neuankommende (die Aufnahmen erfolgten im Abstand von zwei Wochen) sprach die Tatsache, daß immer nur ein Gipfel und nicht nach zwei Wochen ein weiterer beobachtet wurde. Diskutiert wurde eine Abnahme der unspezifischen Resistenz als Ausdruck einer Kurreaktion. Als praktische Folgerung ergibt sich aus den Untersuchungen, daß eine Klimakur wenigstens vier, möglichst sechs Wochen betragen soll, auf keinen Fall aber bereits nach drei Wochen abgebrochen werden darf. Über Erfolgsstatistiken von Heilverfahren bei Atemwegskrankheiten wurde schon im vorangehenden Kapitel berichtet (88). Danach ging die Zahl der Krankheitstage um 36,0%, die der Krankmeldungen um 36,4% gegenüber der Zeit vor der Kur zurück.
Weitere Informationen zum Thema Meeresheilkunde: