Klimatherapie an der Nord- und Ostsee (Teil I)
von Prof. Dr. med. Wolfgang Menger
Durch die moderne Medizin, beginnend mit der Einführung von Penicillin 1948, kam bei Ärzten wie Patienten ein Allmachtsgefühl auf, alles sei beherrschbar. Das musste aber bald abgeschwächt werden. Jetzt setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass die moderne technisch und medikamentös geprägte Medizin zwar Enormes leisten kann, bei chronischen Krankheiten aber weitgehend machtlos ist.
Die Erfahrung lehrt, dass viele Eltern und Patienten die Einwirkungen des Klimas genau kennen lernen möchten, um für ihre kranken Kinder oder für sich selbst das Richtige zu tun. So ist auch mancher Urlauber bestrebt, aus den Wochen an der See das Beste für Erholung und Gesundheit herauszuholen. Gedanken, die in letzter Zeit immer mehr Verbreitung finden.
Wesen der Klimatherapie
Unser Heilmittel ist neben dem Meerwasser das Klima, das jedoch im Gegensatz zu Medikamenten nicht immer gleich ist. Die Therapie ist daher viel schwieriger. Thalassotherapie ist Behandlung mit den Heilfaktoren des Meeres: Insel oder Küstenklima, Meerwasser und Schlick.
Es bestehen im allgemeinen keine grundlegenden Unterschiede der Klimawirkung zwischen Gesunden und chronisch Kranken in der Reaktionsweise auf die Klimafaktoren der See. Der entscheidende Unterschied ist jedoch die Verträglichkeit, also die Dosierung.
Eine Klimabehandlung sollte möglichst frühzeitig begonnen werden. Auf keinen Fall darf sie als letzter Versuch aufgefasst werden. Misserfolge sind recht häufig auf falsches Verhalten, insbesondere in den ersten Tagen, zurückzuführen. Gegebenenfalls ist am Anfang große Zurückhaltung geboten immer mit dem Ziel der allmählichen Steigerung. Bei Kindern mit Infektanfälligkeit hilft nicht Schonung und Warmhalten, sondern Abhärtung! Abhärtung stellt sich jedoch nur dann ein, wenn man planvoll und systematisch vorgeht: Ein Zuviel schadet, ein Zuwenig hat keinen Effekt. Im Grunde ist es hier genauso wie bei medikamentöser Therapie.
Die Klimatherapie steht nicht zwischen Schulmedizin und Naturheilverfahren, sondern es werden natürliche Heilmittel angewendet und mit Untersuchungsmethoden der modernen Medizin überprüft.
Das Klima wird in unseren Bereichen durch Jahreszeit und Wetter geprägt. Das Wetter ist veränderlich und nicht über einen längeren Zeitraum vorhersehbar, so dass das Verhalten an das jeweils herrschende Wetter angepasst werden muss.
Der Gesamtkomplex Klima beeinflusst den Menschen, der ebenfalls als Gesamtkomplex zu betrachten ist und auf individuelle Weise reagiert. Dabei spielen Alter, Konstitution, Gewöhnung an Klimareize und an die physikalische Therapie insbesondere Hydrotherapie, also Wasseranwendung wie kaltes Duschen eine Rolle. Bei der jeweiligen Krankheit kommt es nicht allein auf die Diagnose, sondern vor allem auf alle einzelnen Befunde an.
Der Gesamtkomplex Klima trifft in drei verschiedenen (dem thermisch hygrischen, dem aktivischen und dem chemischen) Wirkungskomplexen auf den Organismus. Sie beeinflussen meist nicht einzeln, sondern zu zweit oder alle drei gleichzeitig den Organismus.
Weiterhin muss beachtet werden, dass der Mensch nicht passiv reagiert, sondern über eine mehr oder weniger gute Anpassungsfähigkeit (Adaptation bzw. Adaptationsphase) an Klimareize verfügt (Abb. 3 1), wodurch ein aktiver Trainingseffekt entsteht. Auf diesem Trainingseffekt beruht die Wirksamkeit der Klimatherapie.
Maritimes Aerosol (chemischer Wirkungskomplex)
Über der freien See gelangen Seewassertröpfchen mit Salzkernen durch den Wind in die Luft, ebenso am Strand und als Spritzwasser an Strandpromenaden. Je stärker die Wellen und je höher die Windgeschwindigkeit, desto intensiver ist auch das maritime Aerosol.
Der Salzgehalt in der Brandungsluft ist trotz seiner guten Wirkung nicht besonders groß, weniger als 1 mg Salz pro Kubikmeter Luft. Man spricht von "Schwebsalz" in der Luft. Er nimmt mit dem Abstand von der Brandungszone ab. Darunter versteht man die Bereiche am Strand, wo die Wellen auslaufen. An der Nordsee sind die Brandungszonen wegen Ebbe und Flut ständig sich verschiebende Strandbereiche. Landeinwärts nimmt die Aerosoldichte schon im Abstand von nur 10 bis 15 m auf die Hälfte, in 100 bis 200 m Entfernung von der Flutkante auf etwa 1/10 des Ausgangswertes ab.
Die Salzwassertröpfchen haben stark unterschiedliche Größe. Die gröberen fallen schnell zu Boden oder prallen auf Oberflächen auf und hinterlassen einen Salzfilm, so auch auf den Lippen und auf Brillengläsern. Bei Strandwanderungen in der Brandungsluft schlägt sich ebensoviel Salz auf der Haut nieder wie nach einem Seebad antrocknet: etwa zwei Gramm.
Bei Spaziergängen in der Brandungszone, insbesondere bei Seewinden, wird das maritime Aerosol eingeatmet und schlägt sich auf den Atemwegen nieder. Die größeren Tröpfchen erreichen die oberen Atemwege, den Nasenraum mit den Zugängen zu den Nasennebenhöhlen, den Rachen und den Kehlkopf. Die kleineren Tröpfchen dringen bis in die unteren Atemwege mit Luftröhre, Bronchien und den kleineren Bronchialverzweigungen vor. Die Größe der wirksamen Tröpfchen liegt bei 1 bis 30 Mikrometer (1 Mikrometer = 1 /1000 mm) Durchmesser und darüber. Das maritime Aerosol wirkt auf allen Schleimhautabschnitten der Atemwege schleimlösend.
Besonders vorteilhaft ist es, ausgezogen schnell an der Flutkante entlang zu gehen. So wird durch Anstrengung und Kältereiz das Volumen eines Atemzuges vergrößert. Verstärken kann man die Wirkung noch durch bewusst langsames Atmen. Auch Muscheln sammeln mit tiefem Herunterbeugen des Rumpfes und dadurch vollständiger Ausatmung ist nützlich. Es folgt dann von selbst ein tiefes Einatmen.
Ultraviolett Strahlung (Aktinischer Wirkungskomplex)
Der Aktinische Wirkungskomplex besteht aus der Strahlungswirkung. Die große Helligkeit besonders in den Sommermonaten führt zur Stimmungsaufhellung. Sehr wichtig ist auch die Wärmestrahlung, die Voraussetzung dafür ist, dass man in Badekleidung am Strand verweilen kann und dabei natürlich auch ein neues Körpergefühl entwickeln kann.
Medizinisch am wichtigsten ist jedoch die (unsichtbare!) Ultraviolett Strahlung, die unter anderem für die Bräunung und den Sonnenbrand verantwortlich ist. UV-Strahlung besteht aus drei Wellenbereichen A, B und C, wobei UV-C durch die Ozonschicht komplett abgefangen wird und am Boden keine Rolle spielt.
Sonnebräune ist nicht nur eine Modesache, sondern gesund.
Sie hebt das körperliche und seelische Wohlbefinden, das Selbstbewusstsein und die Leistungsfähigkeit. Ultraviolett Strahlen sind für den Organismus lebensnotwendig, sie dürfen nicht gedankenlos abgeschirmt werden. Aber es muss trotzdem nachdrücklich vor übermäßigen und unvernünftigen Sonnenbädern gewarnt werden, besonders bei Kindern.
Menschen reagieren je nach Hauttyp auf die Sonnenbäder verschieden stark.
In Mitteleuropa werden vier Hauttypen unterschieden:
Kinder sind allgemein empfindlicher, ein Sonnenbrand muss auf jeden Fall vermieden werden!
Dunkle Haut unterscheidet sich von heller nicht durch die Zahl der den schwarzen Farbstoff bildenden Melaninzellen, sondern durch deren höhere Produktivität.
Steigert man die tägliche UV Dosis langsam, so baut sich durch Bräunung und Lichtschwiele ein Schutz gegen UV-Strahlung, d.h. gegen Sonnenbrand auf. Die sog. Eigenschutzzeit, also die Zeit, die man sich ohne Sonnenbrand der Sonne aussetzen kann, erhöht sich langsam aber stetig. Die Eigenschutzzeit kann im Laufe eines Sommers auf das 40fache steigen, sie liegt dann erheblich höher als beim Schutz durch Sonnenschutzcreme.
Sonnenschutzmittel
Der beste Sonnenschutz ist die Bedeckung des Körpers mit Stoffen wie z. B. T Shirts. Sie sind wirksam und umweltfreundlich.
Eine Sonnenbräune aus der Tube oder mit Betakarotin Pillen wirkt kosmetisch, bietet aber keinerlei Schutz vor Sonnenstrahlen.
Die Sonnenbank verursacht durch die UV A Strahlen eine Vorbräunung, was bei manchen Menschen eine nützliche Vorbereitung darstellen kann, sie bietet aber keinen Schutz vor Sonnenbrand. Diesen Schutz würden nur die UV B Bestrahlungslampen der Hautkliniken oder Hautärzte erzeugen. Die Bestrahlungsdauer wird aber nicht nach Minuten sondern zunächst nur nach Sekunden bemessen.
Der Lichtschutzfaktor (LSF) bezeichnet die Verlängerung der so genannten Eigenschutzzeit. Die gibt an, wievielmal so lange eine kontrollierte Bestrahlung mit der Sonne zur Mittagszeit vertragen würde. Die von den Firmen angegebenen Lichtschutzfaktoren beziehen sich nur auf UV B und sind von Firma zu Firma nicht ganz vergleichbar.
Das Sonnenschutzmittel verlängert die Eigenschutzzeit für den ganzen Tag, wenn das Lichtschutzmittel 30 Minuten vor dem Freiluftaufenthalt aufgetragen wurde. Wiederholungen an einem Tage sind zwecklos. Je höher der Lichtschutzfaktor, desto mehr chemische, synthetische Substanzen sind enthalten. Bei Menschen mit empfindlicher Haut können dadurch Reizerscheinungen auftreten. Am sichersten sind die Lichtschutzfilter, die außer der UV B- auch die UV A Strahlung erfassen.
Eine zweite Art der Lichtschutzfilter sind die physikalischen.
Dafür werden kleinste Lichtreflektoren aus winzigsten Pigmenten meist aus Titanoxid oder Zinkoxid genutzt. Diese Teilchen reflektieren die Strahlen wie ein Spiegel. Soweit erforderlich sind diese für Kinder und Menschen, die chemische Bestandteile nicht vertragen, zu gebrauchen.
Thermischer Wirkungskomplex
Das Klima an der Nord und Ostsee wirkt durch den Thermischen Komplex: durch die Lufttemperatur, die Luftfeuchte, die Infrarot (Wärme )Strahlung und den Wind.
Wie diese Größen auf einen Menschen einwirken, hängt davon ab, wie man sich den atmosphärischen Einflüssen aussetzt und sich verhält.
Allgemeine und vordringliche Aufgabe des Aufenthaltes am Meer ist die Normalisierung der Wärmeregulation, die beim modernen Großstädter gestört ist. Die Fähigkeit zur Wärmeregulation soll trainiert werden durch Spaziergänge, Luftbäder und kalte Seebäder.
Der menschliche Organismus ist bestrebt, seine Kerntemperatur konstant zu halten. Der Mittelwert im Verlauf des 24 Stunden Tages liegt beim Menschen bei 37,0 °C. Die niedrigsten Werte werden nachts gegen 3 Uhr gemessen, die höchsten am Nachmittag gegen 17 Uhr.
Jeder kennt die Wärmebildung in der Muskulatur in Form des Muskelzitterns bei starker Kälteeinwirkung. Viel feinere Reaktionen laufen ständig ab, ohne uns bewusst zu werden. Bei Abkühlungsreizen ist der untrainierte Organismus jedoch nicht in der Lage, prompt genügend Wärme zu bilden.
Wärmebildung kann aber trainiert werden, dies ist eines der Ziele der Klimatherapie an der See. Die vermehrte Wärmebildung wird durch den erhöhten Sauerstoffverbrauch und den gesteigerten Appetit deutlich. Dem Körper wird das erforderliche Brennmaterial in Form von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten mit der Nahrung geliefert.
Das Blutgefäßsystem in der Haut, die kleinen Arterien (Arteriolen), steuern die Hautdurchblutung und darüber die Wärmeabgabe. Für die Klimatherapie an der See bedeutet dies die Vermeidung eines nicht sinnvollen Wärmeverlustes. Lufttemperatur, Luftfeuchte, Wärmestrahlung der Sonne und die Luftbewegung, also der meist starke Wind, beeinflussen dieses Blutgefäßsystem. Es kann beim untrainierten, nicht abgehärteten Menschen nicht schnell genug reagieren. Zur Lockerung einer Starre der Blutgefäße trägt der Wind, insbesondere der böige Wind, ausgezeichnet bei. Diese Funktion wird durch Anstöße (Impulse) gesteuert, die bei Kältereizen von den Nervenendkörperchen für Wärmeempfindung (Thermorezeptoren) ausgehen, an das Rückenmark weitergeleitet werden und dort auf diejenigen unbewussten (vegetativen) Nervenfasern umgeschaltet werden, deren Impulse eine Verengung der kleinen Arterien der Haut bewirken. Außerdem wird die Kälte durch Weiterleitung der Impulse bis in die Großhirnrinde bewusst wahrgenommen.
Ziel der Wärmeregulation ist die prompte Engstellung der Blutgefäße, damit ein Wärmeverlust vermieden wird. Die Durchblutung der Haut wird dann gedrosselt, der Wärmetransport mit dem Blut vom warmen Körperkern zur Körperschale eingeschränkt. Die Hauttemperatur sinkt ab, die Kerntemperatur bleibt erhalten oder kann sogar ansteigen.
Spaziergänge
Klimakuren an der See werden während des ganzen Jahres durchgeführt Dabei stehen Strandspaziergänge an der Spitze aller Maßnahmen.
Das Gehen auf dem festen Sand bei ablaufendem Wasser ist für die Füße und Gelenke schonend. Kurzes und je nach Temperatur auch längeres Wassertreten ist erholsam und anregend für Kreislauf und Hautdurchblutung, sofern die angemessene Dauer nicht überschritten wird. Dieses Wassertreten ist auch im Winter zuträglich, wenn keine zu starke Empfindlichkeit besteht. Eine Minute sollte dann Sinnvollerweise nicht überschritten werden.
Kalte Seebäder
Die Klimatherapie wird für Urlauber und Patienten je nach Indikation ganzjährig durchgeführt. Während der Sommermonate kommt außer dem Aufenthalt in der sauberen Luft mit den thermischen Reizen, besonders dem Wind, das Seebad hinzu.
Für die Kälteempfindung beim Seebad lassen sich im zeitlichen Ablauf 3 Phasen unterscheiden
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